Von allem etwas und dann noch ein bisschen mehr

So lautete die Beschreibung der mächtigen Brotzeit, die wir am Montag auf dem Weg zur Rappenseehütte verspeisten. Aber es ist auch eine treffende Zusammenfassung unserer dreitägigen Hüttentour, die uns im Hochallgäu über den Heilbronner Höhenweg durch alle Lebensräume führte, die die Alpen hier zu bieten haben: saftig grüne Berghänge mit grasenden Kühen, Alpen mit eigener Käserei, kristallklare Bergseen, Geröll und schmale Grate in schwindelerregenden Höhen. Und das alles bei strahlendem Sonnenschein und strömendem Regen!

Tag 1: Oberstdorf – Rappenseehütte (1.170 hm, 8,3 km)

Los ging es am Montagmorgen von dem Parkplatz am Nordic Zentrum aus („nur“ 15€ Parkgebühren am Tag). Mit dem Bus fuhren wir noch etwas weiter ins Tal hinein, ehe wir die ersten Höhenmeter auf einem gut ausgebauten Schotterweg durch dichten Wald zurücklegten – zum Glück weitestgehend im Schatten, denn die Sonne brannte schon gnadenlos.

Die Tour an sich war an diesem Tag nicht lang, hatte es aber Höhenmeter-technisch in sich: über 1.000m ging es stetig bergauf (für uns Flachlandtiroler echt viel!). So waren wir gegen halb zwölf auch bereit für eine Pause auf der Enzianhütte. Besagte Brotzeit sorgte allerdings auch dafür, dass wir unsere gut gefüllten Mägen auf den letzten Metern zur Rappenseehütte hochwuchten mussten. Diese erreichten wir schon am frühen Nachmittag.

Es hätte noch die Möglichkeit gegeben, einige der umliegenden Gipfel zu erklimmen, aber in Hinblick auf die Tour, die noch vor uns lag, schonten wir lieber ein bisschen unsere Beine und genossen ein erfrischendes Bad im Rappensee. Außerdem beobachteten wir Murmeltiere (diese geben übrigens ein lautes Pfeifen von sich) und bezogen unser Quartier in der Hütte. An diesem Abend ging es früh ins Bett, denn ob der Herausforderung am nächsten Tag waren wir beide etwas angespannt.

Tag 2: Rappenseehütte – Kemptner Hütte auf dem Heilbronner Höhenweg (890 hm im Aufstieg, 1.140 hm imAbstieg, 11,4 km)

Was ist überhaupt der Heilbronner Weg und wie sind wir darauf gekommen? Der Heilbronner Höhenweg ist der hochalpinste, nicht mit Kletterei verbundene Weg, den das Allgäu zu bieten hat – schmale Grate, drahtseilversicherte Passagen, ausgesetzt und durchaus risikoreich – was sich aber durch Konzentration und Trittsicherheit mindern lässt. Insofern war ich sehr aufgeregt, zumal die Wettervorhersage für Dienstag nichts Gutes verhieß: Regen, Regen, Regen. Nicht unbedingt das Wetter, dass man auf 2.600m jenseits der Zivilisation braucht. Ein kleines Fünkchen Hoffnung bestand noch, dass es am späten Vormittag aufhören würde zu regnen.

Am Morgen wachte ich gegen sechs Uhr auf. Der erste Blick nach draußen verriet: es war noch regnerischer, als vorhergesagt. Beim Frühstück sinnierten wir über Sinn oder Unsinn unseres Unterfangens und lernten dabei zwei andere Paare kennen, denen es genauso ging wie uns. Also beschlossen wir, es zusammen zu wagen und gegebenenfalls umzukehren, ehe es Richtung Steig ging. Als wir losgingen, schlossen sich noch zwei junge Studentinnen unserer Schicksalsgemeinschaft an. 

Gesagt, getan: gleich hinter der Rappenseehütte ging es richtig hoch in eine immer unwirtlicher wirkende Landschaft. Lennart und ich gingen voran, vielleicht, weil wir zwar keine hochalpine, aber zumindest viel Erfahrung im Umgang mit schlechtem Wetter, schlechter Sicht und rutschigem Untergrund haben (Skandinavien lässt grüßen!). Doch der Fels bot auf den ersten Metern erstaunlich viel Halt und so stand es zu keiner Zeit zur Debatte, umzukehren. Es hätte auch keinen Alternativweg gegeben, nur den Rückzug über das Tal.

Nach etwa einer Stunde war es Zeit, die Wanderstöcke wegzulegen, wenig später setzten wir alle einen Helm auf. Dieser dient auf dieser Route als Schutz vor Steinschlag, bewahrte uns aber vor allem das eine oder andere Mal davor, uns den Kopf zu stoßen. Der Übergang war fließend: schon vor dem sogenannten Törle, dem klassischen Einstieg in den Höhenweg, waren Trittsicherheit und Schwindelfreiheit gefragt. Der Regen verwandelte kleine Rinnsale in Wasserfälle und so wurden wir alle mindestens einmal von oben und von vorne geduscht.

Der Heilbronner Weg selbst ist nur etwa drei Kilometer lang, führte uns aber auf über 2.600m hoch und verlangte an diesem Tag alles an Konzentration und Bedachtheit. Lennart und ich wechselten uns in der Führungs- und Wegfindungsarbeit ab; zum Glück ist der Weg super markiert, sodass man sich nicht leicht versteigt. Leider verpassten wir durch das schlechte Wetter einige grandiose Aussichten, wurden aber auch nicht abgelenkt. 

Am Abzweiger zum Waltenberger Haus machten wir eine kurze Verschnauf- und Nachfüll-Pause – für mehr als einen Müsliriegel und einen Schluck Wasser war das Wetter einfach zu schlecht. Es wurde schon etwas fröstelig, dem einen mehr, dem anderen weniger, sobald ging es aber wieder bergauf auf dem Grat. Das umgestürzte Gipfelkreuz auf dem Bockkarkopf war irgendwie sinnbildlich für diesen Tag im Regen.

Ab dem Schwarzmilzferner, einem sehr geschunden aussehenden Gletscher, wurde die Tour entspannter. Es klarte immer mal wieder auf und wir konnten sogar eine ganze Herde Steinböcke beobachten – die hätten wir sicher nicht gesehen, wenn besseres Wetter gewesen wäre, denn so waren nur wenige Bergsteiger unterwegs. Nach etwa sieben Stunden erreichten wir glücklich und erleichtert die Kemptner Hütte, auf der wir abends einige schöne gemeinsame Stunden und das gute Essen genossen.

In dieser Nacht schlief ich sehr schlecht – zum einen musste ich noch alle Eindrücke dieser sehr besonderen Tour verarbeiten, zum anderen rodete ein älterer Herr in unserem Zimmer ganze Wälder. Ich weiß schon, warum ich lieber fünfzehn Kilogramm durch die Wildnis schleppe und im Zelt übernachte ;). 

Tag 3: Rappenseehütte – Oberstdorf (870 hm im Abstieg, 6,6 km)

Am Mittwochmorgen brachen wir nach einem einfachen Frühstück bei leichtem Nieselregen, aber klarer Sicht auf. Schon bald verzogen sich die Wolken und die Sonne kam wieder zum Vorschein, so als ob es den vergangenen Tag nie gegeben hätte. 

Wir spürten zwar die Höhenmeter der letzten Tage in den Beinen, aber der Abstieg war im Vergleich zur Kraxelei am Dienstag einfach zu meistern und so konnten wir uns noch mit unseren Schicksalsgenossen unterhalten, die auch wieder nach Oberstdorf zurückkehrten.

Wie immer ist es vor allem der Wechsel der Vegetationszonen, der eine alpine Tour so reizvoll macht: von rauem Fels und steilen Berghängen über Farne und Birken hin zu dichtem Wald. Gegen viertel vor elf erreichten wir den kleinen Ortsteil Spielmannsau, von wo aus uns ein Bus wieder zurück zum Ausgangspunkt unserer Wanderung brachte. Seit Mittwochmittag genießen wir das süße Leben im Kleinwalsertal – natürlich auch mit einigen Höhenmetern, ohne geht es auch nicht, aber unter Nutzung der Bergbahnen, die sind in der Gästekarte des Campingplatzes inbegriffen und vor allem ohne Schnarcher!

Fazit

Eine tolle, herausfordernde Tour, die mir mehr Selbstbewusstsein in Bezug auf meine alpinen Fähigkeiten gegeben hat. Eine interessante, bunt durchmischte Schicksalsgemeinschaft. Und für mich persönlich eine lehrreiche Stunde in Sachen Leadership.

Leadership hieß bislang für mich, Verantwortung anzunehmen, wenn sich Lücken auftun, und pragmatisch die Dinge anzupacken, die getan werden müssen. Es ist aber noch einmal eine ganz andere Erfahrung, das Vertrauen einer Gruppe in einem alpinen Unterfangen zu genießen und voranzugehen. Dafür ein großes Dankeschön an Micha, Tanja, Lilly, Jana, Kathrin und Heiko. Ihr habt das super gemacht und wir haben gut aufeinander achtgegeben. Und natürlich Danke an Lennart, denn als Leader muss man nicht alleine sein, sondern kann auch als Team agieren. Und ich finde, das haben wir auf dem Heilbronner Höhenweg echt gut hinbekommen. 

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