Wir sitzen gerade am Haneda Flughafen in Tokyo und warten auf das Boarding für den Rückflug. Hinter uns liegen drei intensive, spannende Wochen. Japan hat auf jeden Fall mehr Facetten, als ich vorher gedacht hätte – es ist nicht nur poetisch, kunstvoll und auf‘s Wesentliche reduziert, sondern auch laut, bund und leicht überstimulierend – aber dabei stets so effizient, dass alles trotz der schieren Masse an Menschen in den dicht besiedelten Städten funktioniert.
Letzter Tag in Tokyo: Meiji-Schrein und Yoyogi-Park
Nachdem wir unsere fertig gepackten Taschen heute Morgen zur Lagerung an der Lobby abgegeben hatten, fuhren wir Richtung Harajuku. Eine Sehenswürdigkeit stand noch auf unserem Tagesplan, die wir bisher noch nicht besucht hatten: der unter mächtigen Bäumen (angeblich 100.000 Stück) gelegene Meiji-Schrein.
Dieser Schrein wurde nach dem Tod des ersten Kaisers der Neuzeit 1920 errichtet. Er ist eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten Tokyos und war dementsprechend an einem Samstagvormittag gut besucht. Wir sahen auch wieder einige Hochzeitsprozessionen, die hier anscheinend im Minutentakt durchgeschleust wurden.
Gestern erfuhren wir übrigens, was es mit den Sakefässern auf sich hat, die häufig am Eingang von Schreinen zu finden sind: diese werden dem Schrein von lokalen Unternehmen und Brauereien gespendet und dann am Neujahrstag geköpft und an die Massen ausgeschenkt. Während einer shintoistischen Hochzeitszeremonie trinkt das Brautpaar übrigens auch einen Sake zusammen (das ist dann allerdings ein spezieller Hochzeitssake).
Vom Meiji-Schrein ging es weiter zum Yoyogi-Park, der am Rand von Shibuya liegt. Das ist zur Abwechslung mal kein elaboriert angelegter japanischer Garten, sondern einfach nur eine grüne Oase für die BewohnerInnen des Stadtteils. Wir sahen hier viele JapanerInnen sporteln (Joggen, Radfahren, Qui Gong…), spielen und sogar musizieren. Ein schöner Ort, um nochmal runterzukommen vor dem langen Flug!
Mittags gab es dann in einem urigen Udon-Restaurant inkl. Automatenbestellung und Thekenplatz noch einmal richtig gute Nudeln. Die werde ich in Deutschland vermissen! Den Nachmittag vertrödelten wir dann ein bisschen entlang der Cat Street und spätestens, als wir uns in Harajuku zur Bahnstation durch“kämpften“, war ich nicht unfroh, wieder in ein weniger dicht besiedeltes Gebiet zurückzukehren.







Fazit
Aber: die dichte Besiedelung bringt natürlich auch Vorteile, vor allem den exzellenten Personennah- und fernverkehr, auf den man sich 100% verlassen kann. In drei Wochen haben wir lediglich einen Zugausfall erlebt und dieser war sehr gut gemanagt. Ich wünschte wirklich, wir könnten den Shinkansen auf Deutschland übertragen, ich befürchte nur, der Zug ist schon abgefahren ;). Aber vielleicht klappt es ja mit einem Bundesland-übergreifenden Bezahlsystem für den ÖPNV, das wäre doch was!
Wie ihr als LeserInnen des Blogs bestimmt auch gespürt habt, hat Japan sehr viele Gesichter. Historisch gesehen sind viele Kulturgüter unglaublich gut erhalten und Traditionen werden gepflegt – was bestimmt auch daran liegt, dass lediglich 0,5% der JapanerInnen heute nicht aus Japan kommen. Als Inselstaat war Japan relativ lange isoliert vom Rest der Welt.
Die Glanzzeit des wirtschaftlichen Aufschwungs scheint vorbei zu sein und dennoch sind japanische Unternehmen weiter erfolgreich – sie sind vielleicht nicht die innovativsten, halten aber Qualität und Kundenservice hoch. Dennoch stellt sich mir die Frage, ob die japanische Arbeitskultur mit sehr langen Arbeitstagen (man bleibt im Büro, weil alle anderen das auch tun) nachhaltig zielführend ist. Ich habe selten so viele Menschen im Stehen schlafen sehen wie in Japan und irgendwie spürt man, dass viele hier unter Druck stehen. Vielleicht ist die bunte Jugendkultur auch eine Gegenreaktion auf dieses gesellschaftliche Konstrukt.
Hinter den Großstädten und Ackerflächen, an den bewaldeten Hängen, beginnt auf einen Schlag die Natur. Ich habe selten so tiefe und lebendige Wälder erlebt. Immer wieder trifft man agile JapanerInnen des älteren Semesters, die emsig die Berge hoch- und runterklettern – die Menschen in Japan mögen es, in der Natur unterwegs zu sein. Und trotzdem ist alles, wirklich alles, vereinzelt und in Plastik verpackt. Mehrweg scheint hier ein Fremdwort zu sein und angesichts der Mengen an Müll, die wir zu zweit hier in den drei Wochen produziert haben, und das, obwohl wir mit faltbarer Einkaufstasche, Göffel und Trinkflasche ausgestattet waren, frage ich mich, wie es wohl in den anderen asiatischen Ländern aussehen mag… zumindest in dieser Hinsicht sind wir in Deutschland meines Erachtens nach schon weiter.
Alles in allem bin ich dankbar für das Privileg, diese Reise erlebt zu haben. Ich habe jeden Tag etwas Neues gelernt und es war unglaublich spannend, mal eine Gesellschaft zu erleben, die in bestimmten Aspekten – vor allem Individualismus versus Kollektivismus – so ganz anders ist als die unsere. Japan ist ein tolles Reiseland und Bahnfahrten durch schöne Landschaften können sogar richtig Spaß machen und entspannen, wenn man keine Angst davor haben muss, den Anschluss zu verpassen.